Das Burn-Out-Syndrom

Wie soll man das beschreiben, was selbst die Medizin vorsichtig nur unter einem „Syndrom“ zusammenfasst – einem wüsten und höchst individuellen Haufen neuronaler, physischer und psychischer Sensationen, die ein absolut bedrohliches Bild abzugeben vermögen…?

„Erschöpfungs-Depression“ wird es genannt. Es läuft immerhin im Range einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ – da hat man schon mal was eigenes, so viel ist sicher L. Was aber ist es denn, dieses „ausgebrannt sein“…?

Es läuft, wie so vieles, frei nach Oscar Wilde: erst ganz allmählich und dann ganz plötzlich.

Es gibt die klassischen 7 Stufen des BURN-OUT, die die Psychologie ausgemacht hat:

1.
Ideologie: man „brennt“ für eine Idee. Es wird viel Energie eingesetzt, ohne dabei auf Re-Payment oder Ausgleich zu achten. Bald machen sich erste Anzeichen einer Erschöpfung auf Grund von Enttäuschungen bemerkbar.

2.                                                                                                                                                            Reduziertes Engagement: Innere Kündigung, heimlicher Rückzug, Trauer

3.                                                                                                                                                            Emotionale Reaktionen: Depressionen, Aggressionen, Schuldzuweisungen

4.                                                                                                                                                                  Abbau: schwindende Leistungsfähigkeit, Fehler, Überforderung

5.                                                                                                                                                    Verflachung: Desinteresse, Langeweile, Überdruss, Rückzug

6.                                                                                                                                                           Krankheiten: Psychosomatische Reaktionen

7.                                                                                                                                                            Depression: Verzweiflung, Nihilismus, Teil-Invalidität, Invalidität, Suizid

 

Bleibt trotz des hohen Engagements der erhoffte Erfolg aus, wird das zunächst durch noch mehr Engagement ausgeglichen. Nicht sein kann, was nicht sein darf! Das oft niedrige Selbstwertgefühl treibt den Menschen an. Damit verbunden ist seltsamerweise aber auch oft ein narzißtisches Gefühl der Unentbehrlichkeit, das zugleich die Hyperaktivität und die Borniertheit rechtfertigt. („Wenn nicht ich, wer dann?!“   und „Ohne mich geht hier doch alles sofort den Bach runter!!“).

„Echte Erholung“ findet man nur unter Alkoholgenuss, beim Sport, oder oft auch gar nicht mehr. Sie wird fatalerweise aber nicht als fehlend erlebt. Auch die Schlafstörungen werden „dem momentanen Stress“ zugeschrieben und nicht ernst genommen – leider. Die Wochenenden sind auch nicht selten voller Arbeit und reichen schon lange nicht mehr aus, um die erforderliche Erholung zu ermöglichen. Die Energiebilanz ist schließlich ständig im Minus. Joker: „Wenn erst, dann…!“ aber „dann“ kommt nicht. „Dann“ kommt nie!

Allgemein gilt die Regel: je weiter der Burnout-Prozess vorangeschritten ist, desto mehr Zeit und Therapie bedeutet es, ihn wieder umzukehren. Einmal in Gang gesetzt, entwickelt die nach unten gerichtete, immer schneller werdende, Burnout-Spirale eine immer stärkere Eigendynamik, die zu durchbrechen immer mehr Kraft erfordert. Tragischerweise lässt auch die Kraft wieder aus dem Loch herauszukommen mit zunehmender Dauer des Burnout-Prozesses nach. Dieses alles verschlingende schwarze, leere Loch, das nicht selten neben dem Leben gähnt, das sich nunmehr fast nur einem großen Thema verschrieben hat, macht schreckliche Angst! Lieber weiter den „Zombie-Hamster“ geben und noch eine Runde auf dem Teufelsrad drehen!!

In erster Linie ist es aber ein Gefühl, dieses „ausgebrannt sein“. Das Gefühl, das neben diesem Gefühl kein Gefühl mehr da ist. Und kein Wunsch. Kein Wollen. Kein Sollen. Alles, wofür wir uns eben noch so „brennend“ eingesetzt haben, ist „abgefackelt“. Weg. Wir haben es auf dem Weg verloren, es ist plötzlich (wie wir da noch irrtümlich glauben) aus uns herausgefallen, irgendwie, keiner weiß genaues darüber. Vergreult durch so viele kleine, ignorierteTiefschläge, Enttäuschungen und Fußtritte. Wir haben es aus uns verloren, obwohl wir es unbedingt behalten wollten! Unser Glück, unsere Zukunft, unser Selbstwert, unser Leben (?!) hing davon ab! (Dachten wir). Der Wahnsinn wird erst im Rückblick erkennbar. Und auch nur langsam. Wir haben unsere Kraft, unsere Zeit, unsere Energie, unsere Emotionen, unsere Zukunft, … daran gehängt. Wir haben dafür gelebt, dass es klappt. Auch nicht selten gegen alle Kommentare und wider alle Vernuft! Und plötzlich – ist da nichts mehr. Couch-Potatoe.

Warum ausgerechnet jetzt?!

Warum ausgerechnet wir?!

 Einige Mediziner vermuten eine Art „Adrenalin-Mangel-Depression“ hinter diesem plötzlichen Spontan-Zusammenbruch des gesamten Systems. Das muss man sich ähnlich vorstellen, wie eine „juwenile Diabetes“ des Typ 2: durch die ständige Überbelastung von zuviel Zucker, brechen die Insulin-Rezeptoren irgendwann ein und schließen die Zellen nicht mehr auf. Das bedeutet, der Zucker kreist unverarbeitet im Blut herum und erzeugt dort schwindelerregende Werte und alle Zeichen einer Diabetes mit drohenden Folgen für z.B. Augen, Herz und Nieren…

Ähnlich ist es mit den total strapazierten Adrenalin-Rezeptoren. Adrenalin ist ein Streßhormon und stellt ein zeitlich begrenztes Not-Programm dar, um über krisale Situationen zu kommen. Es ist ein Urzeit-Programm, das unseren Vorvätern half beim plötzlichen Auftauchen ungern gesehener Säbelzahntiger den Lendenschurz in die Hand zu nehmen und über die Brombeerhecke zu setzen… Das System ist immer noch nicht dazu ausgerichtet dauerhaft eine energetische Minusbilanz zu finanzieren, indem es sie hormonell mit „falsch hohen Werten“ ausgleicht. Dabei ist dem Körper völlig schnuppe, ob es sich um „negativen“ Dys-/ oder „positiven“ Eus-Stress handelt. Stress ist Stress und löst immer die „Hypophysäre Streßachse“ aus, was in der Nebennierenrinde in der Produktion von Adrenalin und Nor-Adrenalin endet. Damit werden wir, ohne es zu merken, zu Adrenalin-Junkies und tun alles, um diesen als wohltuend erlebten „Pegel“ zu halten. Gerät der Körper so in einen Dauerzustand der Alarmiertheit, drückt irgendwann jemand im Gehirn auf RESET. Um endlich mal Klarheit zu kriegen, was dieses ganze Dauer-Chaos eigentlich auslöst. Und dann liegst Du da. Ausgepumpt und ohne jedes Millimölchen rettendes Adrenalin in der Blutbahn… Sinnleer, sinnlos, wo ist der ganze Sinn bloß… Mir doch egal.

Die schlimmsten Folgen sind dabei die Adrenalin-Intoleranz und der Verlust der tragenden Werte.

Die Adrenalin-Intoleranz kann zu einer völlig, oder in Teilen verschwindenden Stress-Toleranz führen, so dass der Betroffene „kleine“ von „großen“ Anforderungen nicht mehr auseinander zu halten vermag und alles in der gleichen Brutalität auf ihn eindringt und ihn lahmlegt. Wenn dieser Zustand sich als nur teilweise reversibel erweist, spricht man von einer erworbenen Teil-Invalidität. Wenn dieser Zustand „einrastet“ und sich als therapieresistent erweist, spricht man von erworbener Invalidität. Die Person ist nicht mehr erwerbsfähig, weil sie am „normalen Leben“ nicht mehr adäquat teilnehmen kann.

Der Verlust der Werte, der eine Folge der „Umwertung der Werte“ auf Stufe 7 ist, führt zu einer dauerhaften Depression und der Unfähigkeit den Blick auf eine lohnendere Zukunft zu richten. Das es in einer solchen sinnleeren Talsohle (auch vielfach als „Erdloch“ beschrieben) zu suizidalen Tendenzen und Handlungen kommen kann, ist eine logische Folge. Dies ist eine Art „psychischer Bankrott“ eine „seelische Invalidität“, die alles in Frage stellt, an dem sie vorher so hing. Was kann es wert gewesen sein, wenn es sie HIERHIN gebracht hat…??!!“ An dieser Stelle helfen therapeutische Maßnahmen und Selbsthilfegruppen enorm, den dergestalt eingeschränkten Blickwinkel einmal probehalber wieder zu verändern…

Lange weiß man, dass nicht nur Feuerwehrmänner ausbrennen (haha) und dass dieses den Zeitgeist spiegelnde Syndrom schon lange nicht nur die „helfenden Berufe“ betrifft. Torwarts, Politiker, Filmstars und Auslandskorrespondenten erkranken daran, genauso wie eine Vorort-Hausfrau und ein Teilzeit-Postzusteller…

Der Unterschied scheint alleinig darin zu liegen, dass jene, die den größten Mitteilungsdrang besitzen und die z.B. noch in der Therapie ein Buch darüber schreiben, offenbar noch immer nicht ganz am Ende waren. Die BILD-Zeitung strotzt vor Storys, genauso wie der SPIEGEL und die BRIGITTE… Wir, die Betroffenen unserer Selbsthilfegruppe, können es schon nicht mehr hören und vermeiden das mittlerweile inflationär gebrauchte Wort „Burn-Out“ bereits. Wir wissen: wer einen Burn-Out bis zum Ende erleidet, der schreibt nicht mehr, der gibt auch keine Interviews mehr, der sagt auch nichts mehr, der ist nämlich schon fast nicht mehr…  

  

 

© Nicole Diercks, 2012

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